Es gab einen Punkt, der die Wissenschafter immer wieder verblüffte: Sie konnten ihre Versuchspersonen beeinflussen - und zwar einzig und allein beeinflussen, indem sie mit ihnen sprachen.

Sie mussten keine Medikamente verabreichen, damit die Versuchspersonen schmerzfrei blieben. Es genügte, dass sie den Versuchspersonen sagten, dass sie schmerzunempfindlich seien - und dies waren sie denn auch.

Es war auch nicht notwendig, den Versuchspersonen mit glühend heissen Gegenständen Brand-wunden beizufügen, damit sich Blasen bildeten. Es genügte, ihnen zu sagen, dass sie mit einem glühenden Gegenstand berührt worden waren, und es bildeten sich Brandwunden. 

Die Sprachform, die man dazu verwendete, wurde als Suggestion bezeichnet - man suggerierte den Versuchspersonen also zum Beispiel, dass sie Verbrennungen erleiden würden.

 

Doch was ist 'eine Suggestion', und was heisst 'suggerieren'?

 

 

 

Hier einige Definitions-versuche:

 

(1)

ÜBERTRAGUNG INS DEUTSCHE: BEREDUNG

Das Wort 'Suggestion' wird ins Deutsche übertragen.

Es heisst dann schlicht 'Beredung'

Quelle: Neurologisches Centralblatt 1886, S 68

 

 

(2)

SUGGESTION UND 'WAHRE TATSACHEN', DIE ALLERDINGS GAR NICHT IMMER 'WAHR' SIND

 

Eine ausführlichere Antwort gibt Jendrássik.

 

Jendrássiks Antwort:

 

'Suggestion ist eine Ein-wirkung, die in dazu geeig-neten Personen eine der Auffassung der suggerierten Idee konforme Wirkung, wenn sie in Wirklichkeit auch völlig falsch erscheint, als wahre Tatsache einbringt.'

 

Jendrássik, 1888, S. 326

 

Jendrássik schildert, wie Suggestionen Brandwunden hervorbringen können - man suggeriert einer Person, dass sie sich verbrannt hat, und in der Folge bilden sich bei der Person Brandblasen.

Wie ist dies möglich?

Jendrássik würde vermutlich sagen: Aufgrund der Suggestion geht die Person davon aus dass sie sich tatsächlich  verbrannt hat. Das ist für sie eine wahre Tatsache.

Der Körper der Person reagiert dann auf die als wahr angesehene Tatsache - es bilden sich Brandwunden.

Die Interpretation von Jendrássik ist interessant, und zwar deshalb:

Wenn in der Literatur um 1850 herum über Suggestionen und Hypnose diskutiert wird,  taucht immer wieder das Thema 'Kraft' auf: Wirken Suggestionen deshalb, weil hinter ihnen eine spezielle Kraft steckt?

Ist es also eine Suggestivkraft gewesen, die die Brandwunden hervorrief? Und ist diese Kraft vom Hypnotiseur ausgegangen?

Folgt man den Ausführungen von Jendrássik, ist es nicht notwendig, eine solche Kraft anzunehmen. Es genügt, einem Menschen einzureden, dass er sich verbrannt hat. Nimmt der Mensch die Verbrennung als wahre Tatsache an, reagiert sein Körper: Es entstehen Brandblasen.

Es ist in diesem Falle nicht die Kraft des Hypnotiseurs gewesen, die etwas bewirkt hat. Es ist der Körper der Versuchsperson gewesen, der auf eine Tatsache reagiert hat, die er als 'wahr' angesehen hat - wobei natürlich absolut beeindruckend ist, wie heftig der Körper auf der somatischen Ebene auf eine Tatsache reagiert, die er als 'wahr' ansieht!

Was im Übrigen nicht nur bei Brandwunden zu beobachten ist:

Wie Jendrássik beiläufig erwähnt, ist es auch dann zu beobachten, wenn man einer Person suggeriert, sie habe eine übelkeitserregende  Substanz zu sich genommen und deshalb sei es sei ihr denn auch entsprechend übel: Wird dies vom Körper als  'wahre Tatsache' angesehen, kommt es zum Erbrechen, siehe Jendrássik 1888, S. 321.

 

(3)

GERICHTSWESEN

Da war ein Prozess geführt worden, und der König war mit dessen Verlauf nicht zufrieden Ein Herr Grattenauer beeilte sich, in diesem Zusammenhang ein Buch zu schreiben. Das Buch trägt den Titel 'Über den Begriff der Suggestivfragen'.

Das Buch ist im Jahre 1803 erschienen, und es geht in ihm darum zu verhindern, dass die Richter Suggestivfragen stellen.

'Suggestivfragen' sind für Grattenauer Fragen, bei denen die Antwort dem Befragten in den Mund gelegt - und damit also suggeriert  - wird. 

Grattenauer sagt zum Beispiel, dass folgende Frage nicht zulässig ist:

'War X beim Duell ebenfalls anwesend?'

Korrekt formuliert, muss die Frage lauten:

'Wer war beim Duell anwesend?'

Man sieht daraus: Mit Suggestionen und Suggestivfragen beschäftigt man sich schon seit langer Zeit: Man wusste, dass sie vor Gericht zu Falschaussagen führen können.

Grattenauer ist nicht der erste Autor, der die Begriffe 'Suggestion' und 'Suggestivfragen' verwendet. In seinem Traktat erwähnt Grattenauer einen Autor namens Kleinschrod, und bei ihm tönt das dann so:

'...denn im allgemeinen ist Suggestion eine Handlung, welche einem Andern gegrün-deten Anlass gibt, etwas zu sagen, wodurch er, gegen die Wahrheit, etwas bejaht oder verneint.'

Kleinschrod bezieht seine Aus-führungen auf Verhandlungen, die vor Gericht geführt werden. Offensichtlich war man sich schon früh der Gefahren bewusst, die von Suggestivfragen ausgingen.

Denn immerhin:

Das Buch von Kleinschrod erschien 1787...

 

 

(4)

SUGGESTION: AUSSER-ORDENTLICHE KOMMUNIKATIONSWIRKUNGEN

 

Theodor Lipps, ein bekannter Psychologe, beschäftigt sich in einem Aufsatz mit Suggestionen. Im Aufsatz findet sich folgende Aussage von ihm:

"Suggestion (...) ist keineswegs beliebige Weckung von Vorstellungen, sondern sie ist zugleich die Herbeiführung einer inadäquaten oder abnormen Wirkung dieser Vorstellung."

Lipps,  1897, S. 158

Das war den Leuten schon lange klar: Wenn wir mit einem andern Menschen kommunizieren, entstehen im Kopf des Gegenüber Gedanken, Gefühle und auch Bilder - 'Vorstellungen' also, wie dies Lipps nennt.

Diese Vorstellungen, so kann man weiter überlegen, beeinflussen unsere emotionale Befindlichkeit, indem sie uns fröhlich oder traurig oder wütend machen, und sie beeinflussen auch unser Tun und Lassen.

Sie führen damit also eine 'Wirkung' herbei.

Meistens bewegt sich diese Wirkung in einem gewöhnlichen Rahmen. Sie führt zu  Gefühlen in einer Form und in einem Ausmass, wie wir es vom Alltag her gewohnt sind, und sie bewirken Handlungen, die wir vom Alltag her ebenfalls kennen und dementsprechebd auch erwartet haben.

'Möchten Sie noch ein Stück Kuchen?', fragt die Hausfrau den Gast, und dieser reagiert so, wie man dies erwartet: Er versichert, dass der Kuchen ausgezeichnet sei, aber er leider so satt sei, dass ein weiteres Stück Kuchen nicht mehr drinliege.

Damit hat due Kommunukation der Hausfrau beim Gast eine Wirkung erzielt, die zu erwarten war und die dementsprechend denn auch normal ist.

 

Aber, und das ist der Punkt, auf den Lipps hinweist, manchmal führen wir mit unserer Kommunikation Vorstellungen herbei, deren Wirkung aus dem Rahmen des Gewöhnlichen fällt: Die Vorstellungen bewirken Gefühle in einer Art und Weise und in einer Intensität, die uns überrascht Und sie bewirken Handlungen, die wir nicht erwartet haben.

'Und dort sitzt ein Kätzchen', sagt der Therapeut zu einem Mädchen. Dieses steht auf, geht zum Kätzchen und streichelt es - und wir als aussenstehende Beobachter staunen: Da ist gar kein Kätzchen.

Die Weckung der Vorstellung eines Kätzchens hat beim Mädchen zu einer Wirkung geführt, die wir als 'abnorm' ansehen.

Was versteht man nun also unter einer Suggestion?

Die Wissenschaft hat die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten.

Erstens: Sie kann unter der Suggestion alle durch Kommunikation herbeigeführten Vorstellungen und deren Wirkungen erfassen.

Oder zweitens: Sie kann unter dem Begriff 'Suggestion, lediglich jene durch Kommunikation herbeigeführten Vorstellungen erfassen, deren Wirkungen inadäquat oder abnorm sind.

Die Wissenschafter in den Jahren zwischen 1850 und 1900 interessierten sich vor alkem für due inadäquaten und abnormen Wirkungen - die nicht selten unerklärlich waren.